Im Gespräch mit urn:en Designerin Tania Flores

Im Gespräch mit urn:en Designerin Tania Flores

Matthias Rehfeld

Tania, wie stehst Du zu klassischen Urnenformen und was hat Dich dazu gebracht, mit dem Design der River Stones bewusst davon abzuweichen?

Anfangs orientierte ich mich an den Urnen, die in Filmen gezeigt wurden, da in meiner Kultur die Einäscherung nicht üblich ist. Ich sah die Urnen immer in einem hohen und fernen Raum, vielleicht weil sie meist mit einem älteren Menschen in Verbindung standen und sie so den Respekt und die Hierarchie repräsentierten, die aus dieser Beziehung herrührten. Als ich anfing zu recherchieren, stellte ich fest, dass fast alle Urnen, die hergestellt wurden, ähnlich waren: Hoch wie Reliquien, und ich konnte sie nicht mit meiner Art, mit meinen Lieben umzugehen, in Verbindung bringen. Sie fühlten sich fern an, kalt wie das Porzellan auf dem Boden, wie respektvolle, aber distanzierte Rituale, denen es an Verbindung und Intimität mangelte. Das war für mich sehr offensichtlich.

“Ich habe nicht immer ein klares Bild im Kopf, aber ich weiß ganz genau, was ich fühlen möchte, wenn ich das Ergebnis sehe und berühre.” (Tania)

Wie begann Deine Arbeit an den River Stones: Mit einer Idee, einem Material oder einer Emotion?

Mit allem gleichzeitig. Das Material war die Grundlage, dann kam die Idee hinzu und ich verstand die Emotion, die ich vermitteln wollte. Es ging darum, alle drei Elemente zu verschmelzen, um etwas Be-deutungsvolles zu schaffen. Aber ich orientierte mich hauptsächlich an der Emotion als meinem Leitfaden, dem ich instinktiv folgte.

Inwiefern unterscheiden sich für Dich aus gestalterischer Sicht Urnen von anderen Designobjekten?

Ich denke, das ist etwas sehr persönliches. Wenn man eine Urne entwirft, fühlt man meiner Meinung nach eine größere Verantwortung gegenüber den Emotionen anderer Menschen; Empathie ist dabei entscheidend. Jedes Detail kann den Prozess intensivieren oder erleichtern, es ist ein sehr viel bewussteres Design.

Spielen Material, Nachhaltigkeit oder Langlebigkeit eine besondere Rolle in Deinem Designprozess?

Ja, natürlich, sie sind entscheidend dafür, was Qualität für mich bedeutet. Man muss immer wieder Neues ausprobieren, oft stößt man dabei auf Unstimmigkeiten und Einschränkungen, die einem Kompromisse abverlangen. Ich möchte mehr für die Nachhaltigkeit tun und muss dabei Entscheidungen treffen, die auf den Werten basieren, die ich vermitteln möchte.

War es beim Entwerfen einer Urne schwer, Deinen eigenen ästhetischen Ansprüchen gerecht zu werden?

Ein bisschen schon, denn ich brauche persönlich etwas Zeit, um die Idee, die ich vor Augen habe, umzusetzen. Ich bin eher taktil als visuell orientiert. Ich habe nicht immer ein klares Bild im Kopf, aber ich weiß ganz genau, was ich fühlen möchte, wenn ich das Ergebnis sehe und berühre. Deshalb brauche ich Zeit und mache viele Versuche.  Um meine technischen und funktionalen Erwartung-en zu erfüllen, bin ich sehr detailorientiert. Ich glaube daran, dass alles möglich ist, auch wenn es eine große Herausforderung ist und ich manchmal in Widersprüche gerate. Bis heute glaube ich, dass ich die Kollektionen noch stark verbessern kann, denn auch ein Produkt kann sich weiterentwickeln.

Hast Du besonderes Feedback von Menschen bekommen, die Deine Urne ausgewählt haben?

Ich glaube, das Schönste ist, wenn man merkt, dass manchmal ein freundliches Wort, das vielleicht ganz einfach erscheint, für jemand anderen sehr viel bedeutet. Wenn sich ein Kunde bedankt, ist das sehr bewegend. Es ist motivierend, weil man weiß, dass man etwas Gutes tut und dass sich die Arbeit und Mühe lohnen. Das überrascht mich immer wieder.

Der Tod ist in unserer Gesellschaft oft ein Tabuthema. Wie stehst Du dazu, und hat die Arbeit an den River Stone-Urnen etwas für Dich verändert?

Es stimmt, es ist ein Tabu. Man spricht nicht darüber. Man sieht es mit Angst, als würde man es herauf-beschwören, wenn man darüber spricht. Ich kann nur sagen, dass ich jeden Tag etwas Neues lerne und mich frage, wie ich mit diesem Thema umgehe, vor allem jetzt, wo ich Mutter bin. Ich versuche, offen und respektvoll darüber zu sprechen, denn der Tod kommt auf viele Arten und kann uns plötzlich das Leben, das wir haben, wertschätzen lassen.  Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, kann ich sagen, dass es Dinge gibt, die ich anders hätte machen können. Das Einzige aber, was ich von ganzem Herzen bereue, hängt mit dem Tod eines Familienmitglieds zusammen. Mit dem, was ich nicht getan habe, was ich nicht gesagt habe. Ich würde sagen, dass die Gründung von Crafted Urns meine persönliche Beziehung zur Trauer geprägt hat. Was ich für intuitiv hielt, war in Wirklichkeit ein langer Weg eigener Erfahrungen, begleitet von einer hohen Sensibilität für die Emotionen anderer. Was für viele eine Tugend sein mag, kann auch ein Weg zu einer sehr starken emotionalen Verantwortung sein.

Was hoffst Du, dass die Menschen fühlen oder denken, wenn sie eine Deiner Urnen sehen?

Ich glaube, ich erwarte nichts Bestimmtes. Das ist sehr subjektiv. Als ich River Stone entworfen habe, wollte ich Nähe und Wärme vermitteln. Wichtig ist vielleicht, dass die Menschen wissen, dass es mit viel Respekt und Einfühlungsvermögen entworfen und umgesetzt wurde. Mir fällt nur eine Freundin ein: Als sie die Urnen zum ersten Mal sah, sagte sie, sie hätte sich gewünscht, dass dies das Zuhause ihres Vaters wäre. 

Woran arbeitest Du gerade, und ist es wahrscheinlich, dass wir in Zukunft eine weitere Urne von Dir sehen werden?

Ja, natürlich, wir haben die Kollektion Pure Love, und ich arbeite an neuen Modellen und Accessoires, die als Alternativen dienen, um alltägliche und bedeutungsvolle Gedenkräume zu schaffen.

Tania Flores
Gründerin von Crafted Urns aus Managua, Nicaragua

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