Im Gespräch mit den urn:en Gestalterinnen Paula Roesch und Magdalena Türtscher
Matthias RehfeldLiebe Magdalena, liebe Paula wie seid ihr dazu gekommen, eine Urne zu entwerfen?
Paula: 2024 habe ich über mehrere Monate meinen Vater im Sterben begleitet. In dieser Zeit habe ich begonnen, Urnen aus Ton zu machen. Ich hatte das Gefühl, dass das irgendwie folgerichtig ist. Mein Vater war selbst auch Künstler und ich habe als Kind und auch später als Erwachsene viel mit ihm zusammen gebaut und gebastelt. Wir haben, seit ich denken kann, ganz selbstverständlich gemeinsam Dinge ausprobiert und mit allen möglichen Materialien - auch mit Ton - gearbeitet. In meiner eigenen künstlerischen Arbeit beschäftige ich mich ja immer auch mit dem, was ich persönlich erlebe und Papas Sterben war eine sehr intensive, herausfordernde und schmerzhafte, aber auch besondere und inspirierende Zeit für mich. Ich habe mit ihm auch viel darüber gesprochen und ihm meine ersten Urnen gezeigt, als er noch lebte. Beim Urnen-Machen in der Werkstatt fühlt er sich für mich ganz nah an. Und dann hat es mich gefreut, dass Magdalena so sehr mit diesem Arbeitsfeld geklickt hat.
Magdalena: Als ich gesehen habe, was da bei Paula entsteht, hat mich zweierlei sofort überzeugt: die gestalterische Möglichkeit darin und wie viel Sinn dieses Tun trägt. Wir haben angefangen, gemeinsam eine Formensprache zu entwickeln – Paula aus ihrer Geschichte und dem Material heraus, ich aus dem Bild, wie ein Abschied aussehen könnte, wenn er nicht kalt sein soll. Anfang 2026 haben wir daraus Urna Terra gegründet.
Was verbindet ihr gedanklich und emotional mit einer Urne?
Magdalena: Für mich ist eine Urne unsere letzte Form. Etwas Schützendes und Tröstliches. Ton kommt aus der Erde und trägt am Ende wieder etwas dorthin zurück – dieser Kreislauf beruhigt mich, auch wenn mich das Thema Sterben traurig macht. Es ist ein Abschied. Aber unsere Urnen sollen trösten und begleiten. Sie sollen atmen, friedlich und natürlich sein … Sie sollen sich anfühlen wie etwas, das man in den Händen halten möchte, nicht wie etwas, das man wegstellt.
Paula: Ja, ein bisschen so, als würde man die Asche sanft und liebevoll in den Händen halten und darin aufbewahren. Für mich sind die Urnen für diese Geste und dieses Gefühl die Stellvertreterinnen. Ein letztes, liebevolles Gefäß. Ein schützender Ort, der die Asche aufnimmt und bewahrt.
Was hat euch an der klassischen Form der Urne gestört oder gerade gereizt?
Paula: Ich mag die Stille, die von ruhigen, ausgewogenen Formen ausgeht. Die Formen unserer Urnen sind intuitiv entstanden, einem inneren Gefühl folgend. Wir haben viele unterschiedliche Formen ausprobiert, sind aber immer wieder bei dieser einen aufrechten und der anderen schalenförmigen Form gelandet. Ich denke, weil sie so ruhig sind, so unaufgeregt, weil sie einfach das sind, was sie sind.
Magdalena: Viele angebotene Urnen sind glatt, glänzend, industriell hergestellt – eine Form, die eher an Repräsentation denkt, als an den Menschen. Gestört hat mich daran nicht die Form selbst, sondern das, was sie verschweigt: Spuren vom echten Leben, von Unregelmäßigkeit, von Zeit, von Handarbeit. Urna Terra Urnen sieht man an, dass sie von Hand gemacht werden: Individuell und mit zeitlichem Aufwand – für ein echtes und wertvolles Leben, das in dieser Form seine letzte Ruhe findet.
Paula: Ich mag diese Echtheit und bemerke das auch immer wieder in meiner Arbeit: Eine Reduzierung aufs Wesentliche und eine Natürlichkeit, die ganz viel Klarheit mit sich bringt. So dass man beim Anschauen das Gefühl hat, dass es eigentlich gar nicht anders sein könnte, als so. Als wäre es einfach logisch und folgerichtig und naturgegeben. Wenn ich an eine Urne denke, sind das die Formen, die ich fühle: Still, zeitlos und in Balance. Und sie ähneln auch all den Gefäßen, die Menschen seit Jahrtausenden machen, überall auf der Welt.
Wie begann bei eurer Arbeit der Gestaltungsprozess – mit einer Idee, einem Material oder einer Emotion?
Magdalena: Bei mir stand am Anfang eine Emotion, nicht eine Form: der Wunsch, an etwas mitzuarbeiten, das tröstet und begleitet. Paula kam von dem, was ihre Hände in dieser Zeit gebraucht haben.
Paula: Ich hatte auch vorher schon viele Berührungspunkte mit dem Tod, aber meinen Vater ganz nah zu begleiten, war sehr besonders für mich. In der Arbeit mit Ton habe ich in dieser herausfordernden Zeit etwas zum Festhalten gefunden, etwas weiches, formbares, das aber doch Halt geben kann, wenn man damit arbeitet. Und das mir, in einer Zeit, in der ich auch mit vielen Ohnmachtsgefühlen konfrontiert war, ein Gefühl der Selbstwirksamkeit geben konnte. Gegen das Sterben konnte ich nichts tun, aber das konnte ich tun.
Magdalena: Im Gespräch zwischen uns beiden wurde daraus dann eine gemeinsame Form- und Bildsprache.
Inwiefern unterscheiden sich Urnen für euch gestalterisch von anderen Kunstobjekten?
"Eine Urne trägt ... eine Verantwortung, die ein reines Kunstobjekt nicht hat." (Magdalena)
Paula: Ich bin mir gar nicht so sicher, ob ich eine Urne als Kunstobjekt verstehe. Für mich ist das aber auch gar nicht so relevant. Urnen erfüllen ja eine ganz bestimmte Funktion, sie dienen. In der Hinsicht empfinde ich sie - vielleicht kann man das so sagen - eher als Gebrauchsgegenstand, aber eben mit einer ganz besonderen Funktion und mit viel Bedeutung.
Magdalena: Eine Urne trägt damit eine Verantwortung, die ein reines Kunstobjekt nicht hat. Sie wird nicht nur betrachtet, sondern berührt, getragen, manchmal jahrelang aufbewahrt. Jede gestalterische Entscheidung wirkt sich direkt auf den Abschied eines Menschen aus. Das nimmt uns keine gestalterische Freiheit – aber es verlangt eine andere Sorgfalt, eine Art von Zurückhaltung, Feingefühl und Respekt dem Leben gegenüber und den Menschen, die Abschied nehmen.
Paula: Das ist vielleicht ein bisschen wie ein Hochzeitskleid, oder ein Ehering, oder wie andere rituelle Gegenstände, die wir für ganz besondere und einzigartige Erlebnisse nutzen und die mit viel Bedeutung aufgeladen sind. Und das diese Gegenstände, die so wichtig für uns sind - für unser inneres Empfinden und für unsere Verortung in der Welt - mit viel Hingabe, mit Reflexion und Bewusstheit gestaltet werden, kommt mir richtig vor.
Spielt das Material, Nachhaltigkeit oder Langlebigkeit in eurer Arbeit eine besondere Rolle?
Paula: Ja, natürlich. Die Natur ist, wozu wir gehören. Wir leben und atmen, wachsen und vergehen so wie sie. Und wir sind ja nicht getrennt von ihr. Für mich ist die Arbeit mit natürlichem Material in so vielerlei Hinsicht einfach stimmig - gerade auch in der Zeit, in der wir leben. Auch wenn es uns manchmal nicht mehr so klar ist, sind wir ja doch „Natur-Lebewesen“. Wir sind keine Maschinen und zuletzt in unserer Sterblichkeit, wird das so deutlich spürbar.
Magdalena: Bei Urna Terra arbeiten wir mit Ton, einem Naturmaterial, das regional in Deutschland gewonnen wird. Die Urnen sind von der Natur in ihrer Form und Farbe inspiriert und sollen für alle Bestattungsformen taugen: für die Aufbewahrung zuhause genauso wie für die Beisetzung im FriedWald. Das heißt, das Material muss beides können – tragfähig und beständig sein, wenn es bleibt, und sich verträglich zurückgeben lassen, wenn es in die Erde geht.
Paula: Gerade bei den Urnen, finde ich auch die Verbindung von Erde und Feuer so schön. Das Feuer transformiert den Körper des Menschen zu Asche und diese Asche wird in die Erde gelegt, zurück nach Hause quasi. Und die Urne ist aus Erde geformt und wird ebenfalls im Feuer gebrannt, bevor sie für die Asche bereit ist und dann gemeinsam mit ihr in die Erde zurückgeht. Für mich ist das ein wunderschöner Parallelprozess. Die Asche der verstorbenen Person und die Urne… Erde und Feuer.
War es schwer für euch, eurem ästhetischen Anspruch in einer Urne gerecht zu werden?
Magdalena: Nein, denn der eigentliche Anspruch war nicht, schön zu gestalten, sondern still und für die Sache zu gestalten. Den Menschen und das Leben in den Mittelpunkt zu stellen und etwas Friedliches zu entwickeln, das atmen kann und uns sagt: „Es geht weiter.“
Paula: Die Ästhetik ist ja nicht von der Sache getrennt. Sie ist ein Teil davon. Alles darf stimmig zueinander finden. An erster Stelle steht die Bedeutung, die die Urne hat: das Aufnehmen und Bewahren der Asche eines verstorbenen Menschen. Dann das Gefühl, das sie verkörpern soll: Friedlichkeit, Stille, Natürlichkeit, Menschlichkeit. Das Material war für mich eine nahe liegende Wahl: Erde. Der Grund auf dem wir uns durch unser Leben bewegen, das, was uns ernährt und Halt gibt. Erde ist im wahrsten Sinne des Wortes unsere Lebensgrundlage. Das hat viel Bedeutung und auch viel kulturellen Hintergrund, aber es ist auch etwas ganz Direktes, Gefühltes. Irgendwie sind wir auch selbst Erde.
Habt ihr Rückmeldungen zu eurer Arbeit bekommen, die ihr gerne teilen wollt?
Magdalena: Was mich am meisten berührt, sind die Gespräche, die sich ergeben. Gespräche über das, was im Leben wirklich wichtig ist. Über wer wir sein wollen oder wer wir sind. Wie es sich anfühlt, Endlichkeit zu erleben und zu spüren … Dabei merke ich immer, dass ich genau da bin, wo ich mit Urna Terra sein mag.
"Ich bin sehr glücklich darüber, dass Menschen Urnen von uns auswählen, für diese so besondere Aufgabe, die Asche ihrer Liebsten zu bewahren. Das ist so besonders und berührend für mich. Ich bin sehr dankbar diese Arbeit machen zu dürfen, weil sie sich so Sinn stiftend für mich anfühlt." (Paula)
Der Tod ist in unserer Gesellschaft oft ein Tabuthema. Wie haltet ihr es damit und hat eure Arbeit an den Urna Terra Urnen das irgendwie verändert?
Paula: Es stimmt, es kann sich wirklich so anfühlen, als wäre man vom Rand der Welt gekippt, wenn man mit dem Sterben konfrontiert wird, das in der Welt um einen herum so versteckt wird, dass es quasi nicht mehr sichtbar ist. Ich habe schon viele Male in meinem Leben erlebt, dass Menschen oder Tiere sterben, die mir nahe waren. Und für mich waren es die intensivsten, schmerzhaftesten aber auch besondersten Erlebnisse meines Lebens. Auch wenn ich sie mir nicht gewünscht habe und es jedesmal krass weh tat. Ich glaube es ist gut, den Tod nicht auszuklammern, sondern ihn als Teil des Lebens einzuladen, wenn er kommt. Sich damit zu beschäftigen und nicht auszuweichen, wenn wir damit konfrontiert sind. Auch für die Menschen da zu sein, die gerade Erfahrungen damit machen - sei es mit dem eigenen Sterben oder dem Tod nahestehender Menschen oder Tiere. Früher oder später wird er uns ja begegnen.
Magdalena: Ich verdränge den Tod nicht, aber es ist auch nicht so, dass er mir vertraut ist. Ich habe großen Respekt vor ihm, und ich merke, dass er mich mehr leben lässt, wenn ich ihm nah bin. Ich bin mir meiner Endlichkeit bewusst, und das führt dazu, dass ich ein Leben führe, das ich wirklich leben mag. Dass ich Ja und Nein sagen kann – dass ich Haltung beziehe und Entscheidungen treffe. Denn ich weiß, dass meine Zeit hier nicht ewig sein wird. Dieses Wissen macht mich manchmal traurig, aber es macht mich auch wach und weich. Es macht mich dankbar und ehrfürchtig vor der Schöpfung. Und das ist gut.
Paula: Und ja, die Arbeit an den Urnen hat all das noch viel mehr in unseren Alltag hineingetragen. In der Werkstatt zwischen den Urnen - den fertigen und denen, an denen ich gerade arbeite - zu sein, gibt mir ein sehr friedliches, erdendes Gefühl.
Was wünscht ihr euch, was Menschen fühlen oder denken, wenn sie eine eurer Urnen sehen?
Magdalena: Ich wünsche mir Wärme statt Schrecken. Dass jemand vor der Urne steht und sein eigenes, individuelles Bild von Frieden fühlt, den ein Ende mit sich bringen kann. Eine unbeschreibliche Weite und eine tiefe Zuversicht, auch wenn der Abschied von dieser Welt traurig und schmerzvoll ist.
Paula: Ja, das ist schön, Weite und Frieden. Für mich wäre es auch Zeitlosigkeit und ein Gefühl für die Größe der Bedeutung: Da war einmal ein Mensch. Vielleicht ein bisschen so, wie wenn wir einen Berg sehen und darüber staunen, über das Ewige an ihm. Oder wie wenn wir Wind fühlen und in den Bäumen rauschen hören… oder Mondlicht, das auf dem Wasser glitzert… das Immaterielle, das sich in den materiellen Dingen widerspiegelt. Vielleicht ahnt man darin auch das Essentielle - das, was nicht vergeht. Und fühlt dann eine Stimmigkeit, dass das die letzte Form, das letzte Gefäß für die Asche des geliebten Lebewesens ist.
Wenn Deine Urnen eine Botschaft tragen könnten – wie würde sie lauten?
Paula: Ich denke unsere Urnen erzählen von unserer Natürlichkeit und Menschlichkeit: sowohl im Leben wie im Sterben. Sie sind achtsam von Hand gemacht und nicht maschinell hergestellt und beinhalten, dass wir Menschen - so menschlich wie wir sind - für einander da sind: Menschen, die Tränen trocknen, die berühren, die halten. Menschen, die den gestorbenen Menschen versorgen. Und Menschen die die Urne formen. Das ist uns bei Urna Terra wichtig.
"… und dann war da eine Stille. Hell und schön und weit. Eine unendliche Liebe." (Madgalena)
Woran arbeitest Du aktuell, und ist es wahrscheinlich, dass wir von Dir nochmal eine Urne sehen?
Magdalena: Ich denke, die Urna Terra Urnen sind genau das, was sie sind und ich bin sehr glücklich, sie gemeinsam mit Paula umzusetzen und für Menschen zugänglich zu machen.
Paula: Für uns ist diese Arbeit so Sinn stiftend und erfüllend und in der Werkstatt entstehen ständig neue Dinge und eins führt zum anderen. Gerade arbeiten wir außerdem daran, dass unsere Urnen sichtbarer werden, so dass die Menschen, für die sie stimmig sind, sie finden können.