Im Gespräch mit urn:en Künstlerin Jessica Maria Toliver

Im Gespräch mit urn:en Künstlerin Jessica Maria Toliver

Matthias Rehfeld

“Sehe das, 
was vor Dir liegt 
und mach was draus, 
es ist alles vorhanden.” (Jessica)

Jessica, wie bist du dazu gekommen, eine Urne zu entwerfen?

Eine Kette vieler Schlüsselerlebnisse, die ihren Anfang in meiner Schulzeit nahm. Mein Weg zur bildenden Künstlerin war kein geradliniger, dafür vielleicht umso intensiver und wahrhaftiger. Ich verstehe meine künstlerische Herangehensweise immer aus dem Materialkontext heraus. Der Prozess ist gleichbedeutend mit dem physischen Ergebnis. So habe ich 2022 im Rahmen eines Papierstipendiums u.a. mit Frucht- und Sterbewasser gearbeitet. 

Das war mein erster Kontakt mit einem Hospiz. Jahre zuvor habe ich die Sterbebegleitung meiner Großmutter als ein fast ebenso prägendes Erlebnis empfunden wie die Geburt meiner Tochter. Die wundersame Begegnung mit meinem verstorbenen Vater sowie ein sensibles Gewahrsein der eigenen Sterblichkeit - aus all diesen Geschehnissen resultierte vor zwei Jahren die Erkenntnis, etwas wirklich Authentisches schaffen zu wollen - verwoben als Essenz meines künstlerischen Werkes. So habe ich innerhalb eines Jahres T'URN Urnen aus Pulp entwickelt. Eine maximal konzentrierte Zeit.

Was verbindest Du mit einer Urne und welche Emotionen löst es in Dir aus?

Zunächst verbinde ich mit einer Urne hohe Symbolkraft. Sie ist verdichteter Bedeutungsraum, das letzte Haus - und im Idealfall ein Gefäß, mit dem ich mich schon zu Lebzeiten gerne anfreunden möchte.

Die T'URNs brechen mit klassischen Formen. Was hat Dich an der klassischen Form der Urne gestört oder gerade gereizt?

Ich wollte mit meinem Entwurf eine einfache, reduzierte und nachvollziehbare Form schaffen.  Eine Form, die eine archetypische Symbolik des Ursprungs in sich trägt: das Ei. 
Aus dem höchst transformativen Prozess der Pulpeherstellung, der Verwendung von Naturpigmenten sowie der ausgewogenen Material-balance zwischen Holz und Pulp hat sich die T'URN entwickelt.

Mein Entwurf basiert auf grundlegenden, lebens-relevanten Fragestellungen, die sich äußerlich in minimalistischem, funktionalem Design bündeln: eine Konzepturne.

Wie begann bei Deiner Arbeit der Gestaltungsprozess – mit einer Idee, einem Material oder einer Emotion?

Als Papierkünstlerin stand das Material fest. Der sehr körperliche, repetitive Prozess der Pulpeherstellung und die Arbeit mit meiner Hände Kraft passen gut zu mir. Da ich das T'URN Konzept in den Workshops für alle Menschen öffne, fügt sich hier auch der prozessbegleitende, heilende Aspekt der gestalterischen Auseinandersetzung ganz natürlich ein. Die Formfindung war übrigens banal - ein Kellerfund in Gestalt eines Blumentopfs. Was dann folgte war eine intensive Entwicklung - auch mit meinen beiden hervorragenden Drechslern.

Inwiefern unterscheiden sich für Dich aus gestalterischer Sicht Urnen von anderen Designobjekten?

Für mich unterscheiden sie sich gestalterisch überhaupt nicht. Selbst den Markennamen habe ich als Titelsuche betrachtet. Aber anders als bei einem reinen Kunstobjekt muss eine Urne auch einen praktischen Zweck erfüllen: Sie muss Witterung und Transportwegen standhalten, wird in emotional anspruchsvollen Momenten berührt und getragen. Meine Urnen erfüllen die strengen Bedingungen der FriedWald-Richtlinien - darauf habe ich von Anfang an hingearbeitet. Künstlerisch und gestalterisch betrachtet sehe ich noch unermessliche Möglichkeiten. Zunächst ging es mir aber darum, ein funktionierendes, praktikables Objekt zu entwickeln. Ein Kennzeichen der T'URNs ist die Absenkhilfe aus ungebleichter Baumwolle. So liegt das Ei sicher im Nest.

Spielt das Material, Nachhaltigkeit oder Langlebigkeit in Deiner Kunst eine besondere Rolle?

Sehe das, was vor Dir liegt und mach was draus, es ist alles vorhanden. So ergeben sich Farbe, Struktur und inhaltliche Bedeutung bei meinen ortsspezifischen Urnen. Es gibt die T'URN RuhrUrne, gefertigt aus Flusswasser und Ufererde. Ein Urnenmodell gefertigt aus Spreewasser und Berliner Erde, meine Serie aus Sauerländer Schiefer, regionalem Ziegelbruch oder gesammelten Uferkieseln. Materialien, deren Herkunft ich kenne. Aktuell arbeite ich mit Tierasche und -fell.
 
Meine Urnen kennzeichnet die Vergänglichkeit - sie sind durch eine Algenemulsion für die Dauer der Beisetzung vor Feuchtigkeit oder Regen geschützt, sind aber dafür bestimmt, sich im Erdreich zeitnah zu zersetzen. Die T'URNs werden oftmals auf den ersten Blick nicht als Urne wahrgenommen. Sie passen wunderbar auf das heimische Sideboard.

War es beim Entwerfen einer Urne schwer, Deinen eigenen ästhetischen Ansprüchen gerecht zu werden?

Ich finde, eine Urne bietet die ideale Gestaltungsgrundlage. In meiner bildenden Kunst befasse ich mich seit vielen Jahren mit Materialästhetik. Mit Reduktion und Fokus. Mit den Fragen: Warum verwende ich genau dieses Material und welche gestalterischen Schlüsse ziehe ich daraus? Das Einfache ist oft am schwierigsten umzusetzen.

Dabei mag ich in allem das Raue, Gebrochene. Wenn ich Eichenholzbohlen nach japanischer Tradition des Yakisugi köhle (verbrenne), Papier in Schlamm und Wasser wälze, es tagelang den Elementen aussetze, dann entsteht eine Verbundenheit mit dem Material, eine innige Resonanz. Dieses Gefühl empfinde ich auch beim Modellieren der Urnen. Und es überträgt sich auf die Menschen, die in meinen Workshops persönlichste Materialien in ihre Urnen mit einfließen lassen.

Hast Du Rückmeldungen zu Deiner Arbeit bekommen, die Du gerne teilen würdest?

Wenn die Menschen ihre fertigen Urnen sehen und mit mir auf ihr letztes Haus anstoßen, wenn sie sich ganz auf den transformativen Herstellungsprozess einlassen, danach müde aber tief beseelt nach Hause fahren ist oft große Erleichterung zu spüren. Ich bekomme wirklich sehr viel positive Rückmeldung. Das rührt mich und erfüllt mich mit großer Dankbarkeit.

Der Tod ist in unserer Gesellschaft oft ein Tabuthema. Wie hältst Du es damit und hat Deine Arbeit an den T'URNs das irgendwie verändert?

Ich gehe offen mit diesem Thema um. Vielleicht auch, weil ich Künstlerin bin und vieles anders durchleuchte. Ich denke, Tod und Schönheit liegen so nah beeinander und die ästhetische, gestalterische Auseinandersetzung  helfen ungemein beim Umgang mit Verlust. Sich bereits zu Lebzeiten mit der eigenen Vergänglichkeit zu befassen - gepaart mit einer ordentlichen Portion Humor - das ist meine persönliche Herangehensweise.

“Welche Farbe trägt die Essenz 
Deines Lebens?” (Jessica)

Jessica Maria Toliver
Bildende Künstlerin und Gründerin von T‘URN aus Schwerte, Deutschland

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